Der Flug ist nicht lang von London nach Berlin, ein neues Buch brauche ich nicht zu beginnen. So genieße ich die Aussicht von dem Fensterplatz und freue mich in meiner Heimatstadt einzutrudeln.
Für die ersten drei Wochen bin ich bei meiner Schwester untergekommen, denn die Wohnungssuche aus der Ferne gestaltet sich unmöglich. So kann ich meine Schwester auch etwas mit ihren Kindern unterstützen – ihre Beziehung ist gerade in die Brüche gegangen.
Nach einer Woche finde ich zwei Wohnungen in meinem alten Kiez und entscheide mich für eine mit Blick auf zwei Höfe, die unweit vom Boxhagener Platz liegt. An diesem habe ich schon einmal gewohnt.
Als erstes fällt mir auf, dass ich nach vierzehn Jahren nur noch selten Berlinerisch im Kiez höre. Der Kiez scheint gentrifiziert worden zu sein, wie zuvor der Prenzlauer Berg, was ich Mitte der Neunziger Jahre live miterlebt habe. Aus der Ferne bekommt man nicht so viel mit oder nur die Konflikte in den Medien.
Den einzigen Konflikt, den ich hier miterlebt habe, war die Besetzung eines halben Straßenzuges der Mainzer Straße Anfang der Neunziger Jahre mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen bei dessen Räumung. Die Straßenschilder waren Schwarz übersprüht, weil die Hausbesetzer annahmen, dass die Polizei aus dem Westen der Stadt so die Orientierung verlieren würden. Die gepflasterte Straße wurde mit einem Bagger aufgerissen, wie ein Schützengraben.
Die meisten Hausbesetzer kamen aus dem Westen der Stadt und dem Bundesgebiet vor Wiedervereinigung. Sie kamen in ein fremdes Land, das sich gerade von der Diktatur erholte, die neuen Freiräume begrüßte und Demokratie lernen wollte. Bis auf die Sprache gab es keine Gemeinsamkeiten – doch, sie wollten preiswert wohnen und nahmen keine Rücksicht auf die Interessen der Eingeborenen, die mit demokratischen Prozessen und politischer Willensbildung kaum Erfahrung hatten. Diese Leerstelle galt es aus Sicht der Hausbesetzer zu füllen – mit ihrem Verständnis von Politik natürlich.
Der Berliner Magistrat unterband nach einiger Zeit Neubesetzungen und fing an, besetzte Häuser zu räumen.
Ich hatte im Friedrichshain auch meine erste eigene Wohnung, die ich quasi von meinem Bruder erbte, der nicht wie ich nach der Flucht im Westteil der Stadt blieb, obwohl die ersten freien Volkskammerwahlen die verbrecherische Diktatur hinwegfegte und die Weichen auf ein gemeinsames Berlin stellte.
Die jetzige Wohnung ist nicht viel größer als die von meinem Bruder, aber mit einem Berliner Zimmer, das den Wohnraum nicht wie eine Schuhschachtel wirken lässt – eine schräge Wand, die den Raum zum großen Hoffenster hin öffnet.
Im Erdgeschoss des Hauses gibt es eine Bar mit siebziger Jahre Design, wo ich gelegentlich einen Drink nehme. Ich bin ohne feste Anstellung als Architekt und die Nachwirkungen der Finanzkrise lasten auch auf den Berliner Büros – es wird zu wenig investiert. Ich nutze die freie Zeit, um mich bei der jungen Partei der Piraten einzubringen, gestalte einen Flyer für diese und versuche, mehr über demokratische Prozesse zu lernen. Programmatisch liegt mir der sozialliberale Anspruch, das fehlt wirklich noch in der Bundesrepublik, neben den digitalen Forderungen. Die Organisationsstruktur ist beeindruckend – von lokalen Gruppen bis hin zu den Parteitagen ist alles digital organisiert und man trifft sich zu Gesprächsrunden in Restaurants, Bars oder Cafés hier im Stadtbezirk. So lerne ich viele neue Leute im Kiez kennen – manche ziemlich schräg, aber das scheint dazu zu gehören.
Was mich wundert ist, dass in einigen Cafés die „Junge Welt“ ausliegt, das ehemalige Zentralorgan der Nachwuchsorganisation der SED. Bisher dachte ich, das hat sich überlebt und die ewig Gestrigen sind alte Männer, die ihrem Leben in der Diktatur nachtrauern. Offenbar lebt der Geist autoritärer Denkmuster und totalitärer Ambitionen noch in anderen Köpfen – und das in Ostberlin zwei Dekaden nach der Selbstbefreiung…
In einem solcher Cafés werde ich dann tatsächlich ausgeforscht – im Plauderton. Irgendwoher kannte ich das schon…
Beruflich mache ich eine Weiterbildung im Bereich Bauphysik und darf unabhängig davon für privat ein Reihenendhaus planen. Das ist meine erste freiberufliche Arbeit in Berlin. Die Bauherren, eine Familie mit zwei Kindern, bringen sich mit ein und eignen sich das Haus quasi schon im Planungsprozess mit an. Wir planen von Innen nach Außen, so dass die Fensteröffnungen unregelmäßig, aber in einem dann gestalteten Proportionsschema Platz finden. Auf den ersten Blick ist die Ordnung nicht erkennbar, weil sie die Diagonalen miteinbezieht und somit trotz Unregelmäßigkeiten eine ruhige Fassade bildet. Wir nehmen Anleihen bei Bruno Taut und tauchen den Putz in ein Ultramarinblau, dass einen schönen Kontrast zum Rot der Ziegel der Bestandsbebauung im Hintergrund bildet. Zudem ist es ein schöner Farbkontrast zum Grünton des Götterbaumes an der Gebäudeecke.
Währenddessen scheitern die Piraten bei der Wahl zum Bundestag und des Abgeordnetenhauses von Berlin, weil sie sich in Berlin in Identitäts- und Minderheitenpolitik verzettelt haben, statt beim Kernprogramm zu bleiben. Jetzt wird auch sichtbar, warum das so ist, denn die Mehrheit der dafür Verantwortlichen wechselt daraufhin zur Linkspartei – die Nachfolgepartei der SED, die wiederum direkt auf die KPD der Weimarer Republik zurückzuführen ist.
In Kreuzberg habe ich mir ein Fahrrad gekauft, mit dem ich auch immer zum Schwimmen fahre, wenn schönes Wetter ist. Ich bin ein Schönwetter-Fahrradfahrer. Von einem Einkauf mit dem Rad zurückkehrend, stehe ich in der Küche und rege mich über irgendetwas auf. Es gibt einen Knacks in meinem oberen Bereich des Brustkorbes und mir wird schwindelig. Vorsichtig gehe ich in das Wohnzimmer und setze mich auf die Couch. Nach fünf Minuten geht es mir besser, ich stehe auf und mir wird wieder schwindelig. Ich setze mich hin, nehme das Telefon und gebe schon mal die 112 ein. Nach einem weiteren Versuch des Aufstehens, bleibt mir zudem noch der Atem weg und mir wird kalt. Ich wähle die Nummer und erkläre, dass ich einen Herzinfarkt habe. Der Notarzt ist schon unterwegs, sagt die Stimme. Fünfzehn Minuten später klingelt es bei mir, ich gehe vorsichtig zur Tür und öffne. Nach einer Überprüfung der Vitalfunktionen, begleiten mich zwei Rettungssanitäter, unter den Achseln fassend, die Treppe hinunter in den Rettungswagen. Mit Blaulicht fahren wir in das Krankenhaus am Friedrichshain, wo mir dann Blut abgenommen wird. Die Marker für einen Herzinfarkt sind vorhanden, so dass ich direkt in das Katheter Labor gefahren werde. Über eine Arterie am rechten Unterarm wird mir nach leichter Sedierung ein Katheter bis zum Herzen geschoben, wo die Engstelle mit einem Ballon geweitet wird, um anschließend einen Stent in der Herzkranzarterie zu platzieren. Er wird entfaltet und an die Gefäßwand gedrückt. Das alles kann ich selbst auf sechs Monitoren mit ansehen, so dass ich jederzeit im Bilde bin.
Drei Tage bleibe ich zur Beobachtung im Klinikum, bevor ich wieder nach Haus kann. Jetzt nachdem alles vorbei ist, entwickele ich eine Herzangst – nachträglich sozusagen. Ich trainiere jetzt beim Schwimmen doppelt so hart, um meine Belastungsgrenzen nach diesem Schock auszutesten. 200 Herzschläge/ Minute sind das Maximum im Kraul mit Schwimmflossen. Nach einem Jahr intensiven Trainings bin ich jetzt in der Lage Delphin zu Schwimmen – nur 50 Meter, aber immerhin. So hat der Herzinfarkt noch etwas Gutes gehabt – ich bin fitter als zuvor.
Ein weiteres Projekt, der Umbau einer Eigentumswohnung und anschließend der Ausbau eines Dachgeschosses zu Wohnzwecken, helfen mir meine überschüssige Energie zu bündeln und verlangen konzentrierte Arbeit mit einem gehörigen Lerntempo. Vieles muss ich mir selbst aneignen. Den Umgang mit den Bauherren und allen anderen an den Projekten Beteiligten zum Beispiel. Zum Glück habe ich zwei gute Freundinnen vom Fach, die mir immer wieder nützliche Hinweise geben.
In meinem Haus sind jetzt alle Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Viele Mieter nehmen eine kleine Abfindung an, um sich woanders eine neue Wohnung zu suchen. Ich bleibe, denn die Wohnung ist groß genug für mich und meine freiberufliche Arbeit und entspricht meinem Budget.
Zufällig treffe ich jemanden, den ich seit mehr als zwanzig Jahren nicht gesehen habe. Er erzählt mir von Treffen mit anderen zum Fußball Sehen im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft. Sie sind jetzt Unionfans, sagt er. Ich überlege, ob ich mich mal beteilige. Als Teenager bin ich auch zu Union gegangen – es gab ja sonst nichts, was nicht systematisch von der Diktatur durchdrungen war.
Wir treffen uns in Köpenick in einer spanischen Bar im Souterrain eines Gründerzeitbaus und sehen ein Spiel aus der Vorrunde. Ein weiterer Bekannter kommt hinzu – er hat jetzt einen Antiquitätenladen im Kiez. Eigentlich kenne ich alle nur vom Sehen, wir hatten nie engeren Kontakt und entsprechend verläuft das Treffen auch – nichts Persönliches. Das einzige Vertraute war die Berliner Mundart.
In meinem Kiez gehe ich jetzt auch ab und zu in eine Fußballkneipe. Mit zwei Franzosen, die direkt mir gegenüber in die Wohnung eingezogen sind, kann ich jetzt meine Sprachkenntnisse auffrischen und sie sind auch fußballinteressiert. Gemeinsam sehen wir das Halbfinale, in dem Frankreich gegen Deutschland verliert. Das freut mich und tut mir gleichzeitig leid, aber so ist das.
Immer öfter sehe ich jetzt Menschen, die ich aus Teenagerzeiten kannte. Als sei ich ein Licht, das Motten anzieht. Immerhin wurde ich in der Diktatur kurz vor den Prüfungen von der Schule geworfen und konnte dort auch meine Lehrausbildung nicht beenden. Jetzt bin ich ein Architekt mit internationaler Erfahrung. Das scheint eine gewisse Neugier zu wecken, zumal viele von denen mittelbar oder unmittelbar im Bereich des Bauens beschäftigt sind oder etwas mit dem 1. FC Union Berlin zu tun haben.
Hier im Kiez gibt es einige Fußballkneipen, die aber westdeutsch dominiert sind – Werder Bremen, FC St. Pauli und Dortmund. Keine einzige Unionkneipe.
Mir fällt auf, dass es in diesen Kneipen immer subtile Gesinnungskontrollen gibt. Politik scheint immer mitzuschwingen. Das ist ungemütlich, ich mag so etwas nicht, denn ich komme aus einer toleranten Stadt.
In einer dieser Kneipen erzähle ich von meinem letzten Urlaub in Israel und, dass ich selbst jüdische Vorfahren habe. Niemand geht darauf ein. Stattdessen werde ich das nächste Mal von einer mir unbekannten Person antisemitisch attackiert, ohne dass es von den Betreibern Widerspruch oder Sanktionen gibt. Dort gehe ich nicht mehr hin.
Letztens erzählte mir auf der Straße eine Kellnerin, dass sich jemand im Kiez als meine Person ausgäbe und sich in Bars oder Kneipen unmöglich benehme. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll…
Um so länger ich hier wohne, um so undurchdringlicher erscheint mir der Kiez, was auch mit an der hohen Fluktuation liegt. Alles, was ich hier an linksradikal oder extremistisch wahrgenommen habe, hielt ich für reine Folklore – wie auch DDR- Nostalgika. Vor Wahlen sehe ich hier keine Wahlplakate von CDU oder FDP – die SPD scheint in der Beziehung das höchste der Gefühle zu sein. Haben die beiden anderen Parteien negative Erfahrungen im Kiez mit ihren Wahlplakaten gehabt oder wurden gar Infostände angegriffen? Ich weiß es nicht, aber es fällt mir auf.
Auf meiner Baustelle gibt es Probleme mit Nachträgen des Hauptgewerkes. Nachtragsmanagement – nicht alles lässt sich beim Bauen im Bestand in Leistungsverzeichnissen erfassen oder es ist schlicht handwerkliches Wissen, dass in die Angebote nicht mit eingeflossen ist. So wird der Angebotspreis niedrig gehalten, um den Auftrag zu bekommen. Das Budget der Bauherren wird dadurch strapaziert und ich habe jede Menge Ärger, denn die Kostenkalkulation muss am Ende mit maximal 10% Aufschlag stimmen.
Zudem ist mein Vater, den ich geliebt habe und der sehr stolz auf mich war, gestorben und ich muss meine Mutter in ihrem Alltag unterstützen. Drei Tage die Woche, versuche ich sie wieder zu mobilisieren, fahre Einkaufen, zu Arztterminen und halte den großen Garten in Ordnung. Meine Geschwister wollen oder können nicht mithelfen.
Als ich draußen vor einem Café die Sonne genieße, setzen sich zwei junge Frauen zu mir. Wir kommen ins Gespräch – auch über die Zeit der Diktatur an diesem Ort. Sie verteidigen diese. Ich mache auf die Beschränkungen der Freiheit und die großen Umweltschäden aufmerksam, die auf die Planwirtschaft und deren Mängelverwaltung zurückzuführen sind. Freiwillig sind 17,5 Millionen Menschen nicht unter solchen Bedingungen geblieben und haben ihre Arbeitskraft zu Verfügung gestellt. So etwas interessiert die beiden nicht, es geht ja um die große Idee.
Ich schlittere fast unmerklich in eine Psychose, die durch Feindseligkeiten im Kiez und Trigger Momente noch aus der der Diktatur befeuert wird. Meine direkte Berliner Art stößt hier auch einigen sauer auf, die den sozialen Umgang in einer Metropole wie Berlin nicht gewohnt sind.
Weit vor der Stadt existiert nordwestlich seit langem eine Neue. Ich kann nicht einmal sagen, ob diese auch Berlin heißt und ob es ein ebensolches Konglomerat ist oder vollständig vom Reißbrett als Planstadt. Das alles ist schemenhaft, mehr eine undeutliche Erinnerung als tatsächliche Information.
Zurzeit befinde ich mich noch in der alten Stadt, die nicht nur für mich bespielt wird. Statisten und für den direkten Kontakt Schauspieler, denen eben dieses Spiel nicht anzumerken ist – zu gekonnt. Sie wissen es, ich weiß es, ob sie wissen, dass ich es weiß, bleibt im Dunkeln, denn ich wage nicht daran zu rühren. Es ist besser so.
Ich finde keinen ausreichenden Schlaf. Alles ist zu neu und es gibt zu viel Stoff zum Nachdenken. Weshalb ich, was macht mich besonders oder ist es einfach nur Zufall.
Die Matratze des Bettes ist etwas bequemer als das Original und das leise Grollen der Straßenbahn in den Schienen der Hauptstraße klingt etwas weniger aufdringlich in den frühen Morgenstunden.
Mitten in der Nacht werde ich aufgeweckt. In meinem Kopf erklingt eine Stimme. So weit sind sie also schon – direkte Kommunikation.
„Bleib still liegen, rühre Dich nicht. Ein selbstzerstörender Stent wurde Dir in die Arterien am Herzen implantiert, falls das Experiment scheitert, aber wir können das nicht länger mittragen. Bleib still liegen, wir holen ihn heraus.“, sagt sie sanft und beruhigend.
„Wie soll das gehen über diese Entfernung, nach Telepathie auch Telekinese. Welches Jahr schreiben wir tatsächlich?!“
Ich liege ruhig, versuche flach zu atmen und spüre eine nicht gekannte Wärme genau unter dem Brustbein. Jetzt ist es also so weit. Es soll mindestens eine halbe Stunde dauern und es wird nicht leicht, so lange vollkommen ohne Bewegung zu verharren. Der große Zeh fängt an zu jucken und es steigert sich zur Unerträglichkeit. Lenke dich ab und denke an den letzten Urlaub! Segeln vor Plymouth an der Süd-West-Küste Englands. Als du in einen flow geraten bist, das Schiff lag halb auf der Seite, die Gischt spritzte ins Gesicht, die Segel spannten sich im Wind und es ist ein Hochgefühl konzentriert mit dem Steuer das Boot in dieser Lage im Wind zu halten.
Wie funktioniert diese Form der Telepathie? Ich kramte in meinem Gedächtnis, was mir von Eric Kandel und anderen Neurowissenschaftlern noch in Erinnerung geblieben ist.
Die Hirnareale, die für passive und aktive Sprache vom Gehirn verwendet werden, müssen die Schlüssel zur direkten Kommunikation sein. Das Broca- und das Wernicke-Areal. Die individuellen Phasenverschiebungen zwischen passiver Aufnahme von sprachlichen Informationen und dem aktiven Weitergeben lassen sich nutzen, um einen Abgleich herbeizuführen. Je mehr der Empfänger spricht, desto besser gestaltet sich die Auflösung im direkten Vergleich und es können passiv mehr Informationen induziert werden. Das klingt dann wie Sprache und lässt sich sogar auf Klangfarbe der Stimme und Geschlecht modulieren.
Die Empfänger brauchen jetzt nur noch einen kleinen Sender, der sie auch im urbanen Umfeld zielgenau lokalisieren lässt. Ein Mobil vielleicht….
Das Jucken hört auf, wie es kam, jetzt zieht es an anderer Stelle…
Die Zeit ist relativ, lernt er gerade wieder und die Minuten dehnen sich zu Stunden.
Was sich nicht geändert hat, sind eine offensichtliche Opposition und eine staatliche oder staatsähnliche Verwaltung, vielleicht auch nur eine Mehrheitsmeinung, die
verwaltungstechnisch umgesetzt werden kann. Also kein Friede-Freude-Eierkuchen, sondern ein Aushandeln gesellschaftlicher Konventionen, offizieller Meinung und so weiter oder eine Diktatur mit einer Opposition im Untergrund. Nicht schon wieder!
Grenzenlose Kontrolle, das hat mir noch gefehlt! denkt er.
Am folgenden Morgen wache ich spät und mit müden Gliedern auf. War es nur ein schlechter Traum?
Im Spiegel sind deutlich dunkle Ränder unter seinen Augen zu sehen, die auch mit dem Schneiden von Grimassen nicht verschwinden und die vorhergehende Frage beantworteten. Über das Geschehene sinnierend putzte ich mir, wie immer durch die spartanisch eingerichtete Wohnung laufend, die Zähne.
Im Hof scheppern die Deckel der Mülltonnen, ein älterer Herr in einem fleckigen Mantel sucht nach Verwertbarem und im Nachbarhof plärrt ein Kind. Soweit eine gewohnte Umgebung.
Von den Nachbarn war in dem Gründerzeitbau lange kaum etwas zu hören oder zu sehen.
Statt Berlinerisch höre ich jetzt Spanisch, Italienisch, Französisch und Englisch. Die überwiegende Zeit ist es ein Geisterhaus, in dem die Briefkästen von Wochenzeitungen überquellen und abends die Fenster dunkel bleiben.
Die Statisten haben offensichtlich noch andere Verpflichtungen und sehen es wohl als willkommenen Urlaub an, in der alten Stadt zu wohnen. Ich kenne hier niemanden bis auf die kleine Französin direkt unter mir, die denken muss, ein Wohnhaus sei auch Partyzone. Ein erzwungener Kontakt? Oder ein Test, wie ich mit Konflikten umgehe?! Eigentlich wie immer: höflich, aber bestimmt mache ich sie auf das Problem aufmerksam und verlange Abhilfe oder aber eine rechtzeitige Information.
Gelegentlich ist jetzt leise die Marseillaise zu hören….
Also alles wie immer, nur den Schreibtisch links liegen lassen. Frühstücken – eine Schrippe mit Butter und Pflaumenmus, einen Kaffee, eine Banane, um ausreichend Magnesium und Kalium zuzuführen und zum Abschluss eine Zigarette, auf die ich trotz meiner sportlichen Ambitionen nie verzichte.
Ich wähle die Nummer meiner Eltern, aber es geht niemand ans Telefon, das war zu erwarten. Die Telefonnummern haben keine Empfänger mehr…
Sorgfältig packe ich meine Trainingstasche. Schwimmbrille (Malmsten-Schwedenbrille), Badehose und Duschgel in das Handtuch eingerollt dazu kurze Flossen, Hand Paddles, um die Brustmuskulatur gezielt zu stärken und Badelatschen.
Das Trainingszentrum liegt nur zwanzig Minuten fußläufig entfernt, das ist nicht zu weit und reicht zum Aufwärmen. Der Verein bietet auch mittags Trainingszeiten.
Ich nehme die Tasche quer über die Schulter, schnappe mir die Schlüssel und verlasse die Wohnung im vierten Obergeschoss. Eine sportliche Höhe im Gründerzeitbau, die ungeübten Besuchern regelmäßig den Atem nimmt.
Die auf Touristen ausgelegten lokalen Geschäfte passierend, sehe ich mich aufmerksam auf dem Weg zum Schwimmen um. Nichts Verdächtiges, aber ausschließlich fremde Gesichter.
Die Trainings- und Wettkampfhalle ist tief in das Erdreich eingegraben und wird über die Oberlichter der Decke auf Stahlfachwerkträgern belichtet.
Das Sonnenlicht flutet die Halle und lässt die unzähligen kleinen Wellenkämme des Wassers glitzern und bei längerem Hinsehen die Nase kitzeln. Das Becken wird heute nur von wenigen zur Mittageszeit genutzt, so dass eine komplette 50m-Bahn frei ist. Was für ein Luxus!
Schwimmen ist ein Sport für Individualisten und so wundert es nicht, dass außer in Wettkampfsituationen keine Teams oder engeren Bindungen existieren, weshalb ich auch keines der unbekannten Gesichter grüße.
Ich gleite in das Wasser, tauche unter, um Fühlung aufzunehmen und beginne mich einzuschwimmen. Brust und dann im Wechsel Kraulen und Rückenkraulen.
Kraulen ist am besten, da es eine kontinuierliche Vorwärtsbewegung ist und so ein Wassergefühl entsteht. Man wird eins mit dem Wasser, spürt den Widerstand beim Ziehen und Abdrücken der Hände, beim Paddeln der Füße und geht so mit dem Wasser eine Verbindung ein.
Das war so das Einzige, was ihm heute nicht fremd erschien.
Ich hatte mich an das Allein-Sein gewöhnt.
Die Menschen in meinem Umfeld waren nicht auffallend anders gekleidet, etwas farbiger vielleicht und in keinerlei erkennbarer Markenware.
„Sei wie immer! Du kannst nichts falsch machen.“
Das ist leicht gesagt, wenn man es weiß.
Ich musste raus aus dieser Geschichte und einen klaren Kopf bekommen. Physisch und psychisch an der Grenze zur vollständigen Erschöpfung, weise ich mich selbst in eine Klinik ein.
Die Diagnose lautet: trauma-assoziierte Psychose – das hatte ich mir schon gedacht, denn sie wissen immer noch nicht, was ich weiß, und spielen das Spiel weiter.
Nach zwei Tagen Schlaf, mit kurzer Unterbrechung für das Signieren eines Formulars, fühle ich mich schon wieder einigermaßen frisch.
In meinem typischen Krankenzimmer stehen drei Betten nebeneinander, zwei sind belegt. Die Sonne scheint hoch durch die Fenster und erreicht mein Bett nicht mehr. Es steht zu der Wand mit der Nische für das Waschbecken. Diese ist genau dreigeteilt – die Nische, drei Wandschränke und die Türöffnung. Die gleiche Symmetrie wie die Fensteröffnungen. Offenbar ist es ein wohldurchdachter Bau, der mit seiner Spiegellampe und dem Waschbecken an die Moderne erinnerte.
Ich stehe auf und suche in der Tasche nach meiner Zahnbürste.
Nachdem ich mich frisch gemacht habe, ziehe ich meine schwarze Hose und ein dunkelblaues T-Shirt an, schlüpfe in meine Badelatschen und öffne die Tür zum Flur.
Überall auf dem Gang stehen weitere Patienten, an die Wand gelehnt, langsam schlurfend oder in einer Pose erstarrt, aber alle in sich selbst versunken. Vor der Medikamentenausgabe hat sich eine kleine Schlange gebildet und als sich die Tür zur Ausgabe öffnet, kommt Unruhe in die Menschen auf dem Gang. Sie bewegen sich langsam auf die Schlange zu und erinnerten an einen Zombiefilm – Frischfleisch! Aber so dramatisch ist es nicht, denn es geht nur um bunte Pillen.
Die Frühstückszeit ist vorbei und im Essensraum ist das Büffet geplündert. Eine Schrippe mit Marmelade und ein Kaffee mit Milch und Zucker müssen reichen, obwohl der Hunger groß ist.














Halle der Namen, in der in großen Ordnern die Namen von annähernd sechs Millionen Juden stehen, die im Holocaust ermordet wurden.

Dort trafen wir dann auf die Via Dolorosa (Weg des Leidens), die nach dem Kreuzgang Jesu benannt wurde. Vom Ort der Verurteilung zur Kreuzigung bis nach Golgota, das im antiken Jerusalem außerhalb der Stadt lag, war es nicht sehr weit, vielleicht 600m. Im Bild unten der jetzige Aufgang zum Ort der Kreuzigung.
Diese wird von vier orthodoxen christlichen Gemeinschaften und einer katholischen zugleich beansprucht und betrieben. Der Ort der Kreuzigung im Bild unten.




























